Ich habe den ersten Teil einmal absichtlich so gelassen, damit der Leser sieht, wie naiv etwa auf der Hälfte unserer Wohnungssuche noch waren. Wir hatten unsere Traumwohnung gefunden: gute Lage, super Preis, nette Nachbarn – aber diese Wohnung auch zu mieten stellte sich als unmöglich heraus und damit waren wir nicht nur wieder am Anfang unserer Wohnungssuche angelangt, aber in noch einer viel schlimmeren Situation: wir kannten jetzt zwar einige Tricks, wussten besser, was wir suchen, aber wir hatten auch alle bisher besichtigten Wohnungen verloren und wir trafen auf ein neues Hindernis, das nach anfänglichem Hoffen jetzt unüberwindlich erschien: wir hatten zunächst völlig vernachlässigt, dass Mieter in Frankreich immer einen Garanten brauchen: eine Person, die sich mit Leib, Leben und Vermögen verpflichtet einzuspringen, wenn der Mieter nicht mehr zahlt oder andere Schäden anrichtet. Die Bedingungen, die man an diese “caution solidaire” stellt sind teilweise logisch, teilweise absurd: so verlangt man nicht, dass die Person Franzose ist (logisch), aber sie muss Einkünfte in Frankreich haben. Letzteres klingt logisch, ist es aber eigentlich nicht: das Vermögen des Garanten spielt nämlich keinerlei Rolle! Dabei sollte man doch eigentlich denken, dass einer seinen Job leichter verlieren kann, als sein Vermögen.
Die Physikalität und das Einkommen sind die wichtigsten Kriterien an einen Garanten und dazu können sich je nach Geschmack des Vermieters noch weitere gesellen: viele verlangen Bescheinigungen über die (vorige) Wohnung des Mieters und auch des Garanten (Beweis, dass wir keine Obdachlosen sind?) und eine Agentur fragte nach der “carte grise” des Garanten. Ich war irre erstaunt als ich später erfuhr, dass das der Fahrzeugschein eines Autos ist. Dies ist umso erschreckender, weil ein Bekannter von Schatz unter anderem deswegen kein Garant sein wollte, weil er seine “carte grise” verloren hatte. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass man einfach sagen kann “aber ich habe doch gar kein Auto”, aber für ihn war das im Moment nur eine Erinnerung, dass diese ganze Papierkram doch nur Ärger bringt. Wohnbescheinigungen konnten wir auch weglassen, mit der Begründung “wir kommen doch vom Mars, aus China, Deutschland, bzw. dem Zeltplatz”, wo wir ja tatsächlich in den letzten zwei bis drei Monaten gewohnt hatten.
Interessant sind übrigens auch die verschiedenen Bescheinigungen über eine Wohnung, die man Frankreich –je nach Situation– verwendet:
Mietvertrag
attestation de logement (Kann eine einfache Erklärung des Vermieters sein. Zum Beispiel für die Aufenthaltserlaubnis braucht man das.)
attestation de loyer (ein spezielles Formular beim Wohngeldantrag)
attestation de domicile (Braucht man bei Eröffnung eines Bankkontos.)
Außerdem kann man noch die Rechnungen von France Telecom oder der EDF (Strom) als Mietbescheinigung verwenden. Bei der Prefecture (Aufenthaltserlaubnis) gilt diese als Ersatz anderer Bescheinigungen, manche Vermieter verlangen sie noch zusätzlich.
Dieser ganze Papierkrieg wird dadurch noch verschlimmert, dass manche Vermieter (Agenturen, aber auch Privatleute) mehrere Anträge von verschiedenen Personen gleichzeitig begutachten und denjenigen auswählen, der “die besseren Papiere hat”. Marktwirtschaftlich sollten sie den nehmen, der am meisten zahlt, aber da dies in Frankreich verboten ist, toben sie ihre Gier in eine andere Richtung aus. Natürlich haben sie selbst nichts davon (eine 99%-Garantie kann man nicht mehr viel erhöhen), aber die Mieter treibt es schlicht in den Wahnsinn: entweder man fügt selbst seine Metro-Tickets und Abitur-Zeugnisse noch dem Antrag bei, oder man hat quasi keine Chance mehr: andere könnten immer noch ein Papierchen mehr haben, oder einen “solideren” Garanten. Außerdem sind diese Wartezeiten eine ungeheure Qual unter der man natürlich weiter suchen muss, denn man kann es sich ja nicht leisten ständig mehrere Tage zu verlieren, diese summieren sich schnell zu Wochen verlorener Arbeitszeit, die einen psychologisch kaputt machen.
Glücklicherweise gab es auch noch andere Vermieter, die zumindest immer nur einen Antrag gleichzeitig betrachten. Bei denen muss man das Angebot mit einem Scheck reservieren, so dass der Vermieter sicher ist, man sucht nicht woanders weiter. Bei denen kommt man auch mit einem normal-vollständigen Antrag durch und kann somit schon im Vorhinein seine Chancen gut abschätzen. Nach dieser Erfahrung habe ich stets alle Vermieter vorher gefragt, zu welcher Kategorie sie gehören und die bösen gleich kategorisch ausgeschlossen. Glücklicherweise stellen diese auch nicht die Mehrheit dar.
Wenn man diesen Bürokratie, diese Papier-Tyrannei, umgehen will so meinte Schatz, man muss sich an private Vermieter halten und so meinte ein Vermieter, man muss sich an möblierte Wohnungen halten. Wie sich herausstellte muss man beides tun, denn um einen Garanten kommt man nur herum, wenn man die komplette Miete (ein oder zwei Jahre) im Voraus zahlt und bei unmöblierten Wohnungen ist das illegal. Agenturen haben aber nur unmöblierte Wohnungen und außerdem sind diese generell nicht zu Verhandlungen oder Ausnahmeregelungen bereit (ist ja nachvollziehbar aus ihrer Position). Unter diesen Umständen mussten wir natürlich nochmal die Strategie ändern, denn Mieten bei Privatleuten hatten wir ja vorher als zu stressig verworfen, aber jetzt erschien es uns als einzige Chance. Dazu eine Geschichte: Montag Morgen holen wir uns die frischen Kleinanzeigen. Neben mir auf der Straße hat noch eine Frau die selbe Zeitung (speziell für Kleinanzeigen). Eine weiter Frau kommt vorbei und fragte die andere: „Wo haben Sie denn die Zeitung her?“ Sagt die: „Ach, ich kann Ihnen gleich meine geben. Ich selbst brauche nur diese eine Seite.“ Die Frau bückt sich also und schaut genauer hin, dann sagt sie: „Ich brauche aber die selbe Seite.“ Ihr könnt raten, welche Seite das war. Leider hatten wir die Zeitung erst gegen zehn in die Hand bekommen. Als wir dann die Vermieter von sechs interessanten Wohnungen anriefen, waren sechs davon schon vermietet und der siebte war nicht vor Ort, aber hatte schon viele Einladungen zur Besichtigung aufgenommen. Aber diese Situation war noch nicht die schlimmste. Es ist uns auch einmal passiert, dass wir Morgens anriefen, am anderen Ende eine Frau am Steuer: „Ich fahre gerade zur Arbeit, rufen Sie doch abends nochmal an.“ Als wir dann abends anriefen: „Ist schon vermietet.“ Ganz brutal hat uns auch eine Agentur schikaniert: wir hatten eine Wohnung schon besichtigt und wollten sie mieten. Am Telefon sagte man, eine andere Filiale sei zuständig, die mussten wir erstmal finden, weit mit dem Auto fahren, parken im Parkhaus des „größten Centre Commercial Europas“, da erst einmal heraus finden, dann die Agentur finden. Diese hielt sich aber auch nicht für zuständig und als wir die andere Nummer wieder anriefen: „Ist schon vermietet.“
Hier ist auch noch mal eine Gelegenheit, um die verschiedenen Arten von Immobilienmaklern zu klassifizieren. Im Prinzip gibt es da zweie, nämlich die Makler light, die nur Mieter abkassieren, und die anderen, die von Mietern und Vermietern (nehme ich an) kassieren. Erstere machen einfach ein wenig Werbung unter Vermietern mit ihrem „kostenlosen Service“, und wenn sie dann einige Angebote zur exklusiven Vermakelung haben, veröffentlichen sie diese in diversen Kleinanzeigenblättern und Immobilienjournalen. Wenn man aber auf eine solche Annonce hin anruft, dann wird man erstmal ins Büro zitiert, dort erhält man dann zwar durchaus Auskünfte über die angebotene Wohnung, aber vor einer Besichtigung ist erstmal ein Formular auszufüllen (macht man natürlich gerne), aber dann wollen die auch noch Geld! Das Geschäftsmodell dieser Art von Maklern besteht also einfach nur darin, Angebote zu veröffentlichen und dann die Adressen der Vermieter zu verkaufen. Meistens zahlt man dabei nur einmal (pro Immobilier) und kann dann alle seine Angebote einsehen – das sind dann natürlich auch nicht so viele. Bei dem einen, den wir mal bezahlt hatten, blieben nur drei bis fünf Angebote in unserem Suchraster übrig. (Übrigens gibt es auch schon Webseiten, die nach diesem Prinzip funktionieren: da zahlt man per Telefon ein paar Pfennig für jede Adresse, die man sich anzeigen lässt.) Wohnungsbesichtigung und all den Papierkram klärt man bei diesen Agenturen direkt mit dem Vermieter – so wie bei Kleinanzeigen auch.
Die andere Art von Agenturen bieten mehr Service für Vermieter: sie erledigen auch den Papierkram (das heißt, sie nehmen auch Anträge von Mietern entgegen und wählen einen aus). Bei denen zahlt man aber auch als Mieter nochmal extra, nämlich eine Gebühr zwischen einer und zwei Monatsmieten bei Vertragsabschluss. Eine letzte Stufe sind die Wohnungsverwaltungsagenturen, die in Frankreich den schönen Namen „regie“ tragen: da kümmert sich der eigentliche Eigentümer gar nicht mehr um seine Wohnung und selbst die Besichtigung wird von der regie durchgeführt.
Übrigens: wer in Frankreich ein Auslandsstudium absolviert, braucht sich über die Wohnung weniger Sorgen zu machen: Teilnehmer von Erasmus haben bei den Studentenwerken Priorität und bekommen ihr Zimmer mit nur einem einzigen Antrag. Und bei den kurzer Aufenthaltsdauern sind die hässlichen Blocks des CROUS auch eher akzeptabel.