Wie man eine Wohnung in Lyon findet

zur Einstimmung erzähle ich erstmal ein bisschen von St. Tropez bzw. dem Campingplatz "Les Tournels", wo Schatz im Supermarkt SPAR gearbeitet hat.

(1) Während der Saison (Juli, August) hat der Supermarkt jeden Tag (incl. Sonntag) von Morgens Acht bis Abends geöffnet. Mittlerweile hat er wieder normale Öffnungszeiten (mit Mittagspause) und im Winter ist er (glaub' ich) komplett geschlossen.

Der Campingplatz selbst ist auch bis Dezember (oder noch länger) geöffnet. Er ist auch sehr groß; innerhalb gibt es sogar Straßennamen. Ich habe erst am Schluss gemerkt, welches Glück wir eigentlich hatten, so nahe am Eingang zu wohnen. "Les Tournels" war vor ein oder zwei Jahren mal in den französischen Schlagzeilen und hat dadurch noch größeren Zuspruch erfahren. Es ist ein vier Sterne Campingplatz mit eigenem Schwimmbad (kostenlos und nur für Anwohner) und vielerlei Animation und Abendveranstaltungen. Als ich dort ankam, hätte ich beinahe noch angefangen, als Animateur zu arbeiten, denn zu dem Zeitpunkt waren gerade drei Animateure abgereist und es bestand Bedarf. Die Miete für Zelte, Caravans oder Bungalows dort ist entsprechend hoch, aber Schatz hat fast gar nichts bezahlt, weil sie eben dort arbeitete. Die SPAR-Saisonarbeiter wohnten zusammen mit den Animateuren in Bungalows, nur für Schatz war kein Platz mehr, so dass sie in einem verlassenen Caravan am anderen Ende des Platzes untergebracht war. Großes Glück für mich, denn dort konnte ich kostenlos und bequem (wenn auch illegal) mitwohnen. Allerdings scheint es noch mehr solche Schmarotzer wie mich gegeben zu haben, denn einmal kam sogar die Direktion mit der Polizei vorbei, um "aufzuräumen". Mich haben sie aber nicht erwischt. ;-)

In der Gegend von "Les Tournels" gab es auch noch haufenweise billigere Campingplätze (à la "Camping auf dem Bauernhof"). Die "Halbinsel von St. Tropez", dem ehemaligen Fischerdorf, ist eben eine der Top-Locations in France, mit Gästen aus England, Deutschland, Benelux und selbst Italien und Spanien! (Obwohl Sarah gesagt hat, bei Nizza sei es noch schlimmer. Der typische Stau um St. Maxim und St. Tropez reicht mir eigentlich schon.) Seit vor vierzig oder fünfzig Jahren Brigitte Bardot ein Häuschen in der Gegend gekauft hat, kamen zunächst alle möglichen Stars dorthin und danach der ganze Plebs. Mehrere Millionen Besucher im Jahr! Und die ehemaligen Fischer-Häfen der ganzen Gegend sind voll mit den Familien-Jachten der Touristen (Budget von 50 Kilo- bis 5 Mega-Euro, schätze ich mal). Die teuersten Example stehen im Hafen von St. Tropez, und abends sitzen die Besitzer drauf, trinken ihren Wein und blicken auf die vorbeiströmenden Touristenmassen herab. Tagsüber fahren viele Familien mit ihren Jachten vom Hafen zum Strand, wo sie ankern und die Schiffe ein schönes weißes Band neben dem Blau des Meeres und dem rosa-braun des Strandes bilden. (Die Farbe kommt von den Körpern der Touristen, die das Gelb des Sandes komplett überdecken.) Die Jacht-Besitzer sparen auf diese Weise den Stau auf den speziellen Straßen zum Strand (an denen übrigens viele Villen liegen, so dass der Bereich außerhalb der Ortschaften mehr besiedelt ist, als die Orte selbst), und sie sparen die Gebühr auf den Strandparkplätzen. Fünfzehn Minuten zu Fuß von Les Tournels befindet sich das eine Ende des fünf 5 km langen Strands von Pampelonne. Das andere Ende gehört bereits zu St. Tropez.

Einige Gemeinden der Gegend waren stark benachteiligt, weil sie selbst nicht am Meer lagen, aber sie haben das ausgeglichen, indem sie eigene Häfen in speziell gegründeten Vororten errichteten. Port Gigaro zum Beispiel ist eine große Feriensiedlung im Stil eines kleinstädtischen Wohngebietes mit zweistöckigen Häusern und viel grün. Nicht-Anwohner dürfen gar nicht erst hineinfahren und die Anwohner haben nicht nur einen eigenen Parkplatz für's Auto, sondern auch gleich einen für's Boot! Zu diesem Zweck verzweigt ein Netz von Kanälen in der ganzen Siedlung, so dass vor jedem Haus die Straße ist und dahinter der Kanal. Noch schlimmer als Venedig! In der Einfahrt vom Meer zu den Kanälen gibt es einen Shuttle-Service, so dass die Anwohner von einer zur anderen Seite übersetzen können. Leider ist auch dieser für Besucher nicht zugänglich, so dass wir um das ganz Dorf herum laufen mussten, um zum Bootsverleih auf der anderen Seite zu kommen. Mit Segelbooten hat es wieder mal nicht geklappt, so dass wir uns mit einem Pedalo vergnügten; wie die kleinen Kinder!

(2) Nachdem Schatz also acht Wochen dort unten Baguettes verkauft hat, und ich vier Wochen bei ihr war, sind wir nun seit einer Woche auf einem zwei Sterne Campingplatz in "St.Genis Laval" bei Lyon. Hier ist es echt bezahlbar, weshalb auch eine Menge Leute fest mit ihrem Caravan installiert sind, Touristen sind eher in der Minderheit. Außer uns sind noch einige andere hier, die in Lyon gerade eine Wohnung suchen, und Gestern haben wie einen deutschen, zukünftigen Medizinstudenten (in Tübingen) getroffen, der hier für vier Wochen ein Praktikum absolviert und dabei im VW-Bus schläft. (Er hat eine mit Betten ausgerüstete Variante, die früher von seiner vier-köpfigen Familie für Reisen benutzt wurde.)

Das hiesige Dorf hat direkten Autobahn-Anschluss nach Lyon, man ist so ungefähr zehn-, fünfzehn Minuten nach Lyon unterwegs. Vor der Abfahrt zum Industriegebiet ist Morgens um Acht Uhr immer Stau, in den wir stets genau dann hineingeraten, wenn wir ganz früh aufstehen um eben diesen Stau zu vermeiden. Wohnungen haben wir zunächst über das hiesige Studentenwerk gesucht, aber deren Liste von Kleinanzeigen speziell für Studenten war viel zu kurz. Als nächstes haben wir uns die Kleinanzeigen vorgenommen, danach die Immobilien-Agenturen auf den Boulevards in Uni-Nähe, und schließlich die großen Immobilien-Verwaltungen, gefunden per Telephonbuch. Die Resümee ist, dass Kleinanzeigen absolut nichts taugen, weil die Inserenten oft schwer zu erreichen sind, und die Wohnungen gehen weg wie warme Semmeln. Zum Beispiel haben wir einmal gleich Morgens angerufen (im Internet gibt's täglich frische Annoncen), die Frau am Ende sagte: "Ich fahre gerade zur Arbeit, rufen Sie abends an." und beim Anruf am Abend war die Wohnung schon vergeben. Bei Kleinanzeigen ist man andauernd am Telefonieren und verschwendet letztendlich nur seine Zeit. Wenn man das Appartment dann besichtigt sind meist auch noch einige andere da, oder waren schon da. Zum Beispiel haben wir einmal eine wirklich günstige Wohnung in super-Lage besichtigt: ruhig, aber nah an Zentrum und Transportstationen. Als wir nach der Besichtigungden Vermieter anriefen, erfuhren wir, dass die Wohung schon vergeben war, bevor wir sie überhaupt besichtigt hatten. Bei einem schlechten Angebot hat man vielleicht noch Chancen, aber die guten sind über Kleinanzeigen kaum zu kriegen. Es ist ein Spiel bei dem die Leute immer schneller werden, und wenn man mitspielt und versucht noch schneller anzurufen, als die anderen, dann macht man alles nur noch schlimmer. Dies aber nun mal die normale psychologische Reaktion der meisten Menschen, die die täglich neuen Kleinanzeigen sehen und meinen "das muss doch zu kriegen sein". Und sie wenden immer wieder die selbe Strategie an, nur eben noch schneller. In seinem Ratgeber über's Unglücklichsein, nennt Paul Watzlawik dieses Prinzip "mehr desselben". Es erinnert mich auch an einen Vortrag von Alan Kay über die Mäuse die immer nur auf der selben Ebene herumrennen, während der intelligente Mensch die Ebene verlassen und von oben draufblicken kann. Für uns waren die Kleinanzeigen nützlich, um ein paar Wohnungen zu besichtigen, die wir dann sowieso nicht bekommen können. Für mich war wichtig erstmal ein paar Eindrücke zu bekommen, während Schatz nach den anfänglichen Schwierigkeiten am liebsten gleich die erstbeste Wohnung genommen hätte. Außerdem haben wir so auch ein bisschen Lyon und seine Gegenden kennengelernt, zumindest den Teil zwischen Campus und Zentrum.

Ansonsten habe ich das Kleinanzeigen-Problem gelöst, indem wir sie fortan einfach ignorierten. Der nächste Schritt war aber kaum weniger clever, denn wir gingen einfach zu den nächst-besten Immobiliers auf der Straße. Einige gaben uns Adressen von demnächst freien Wohnungen, wo wir die Vermieter anrufen konnten und danach die Mieter, um einen Besuchstermin zu vereinbaren. Die meisten Agenturen hatten aber gar keine kleinen Wohungen mehr, und schon gar nicht im Sektor um den Campus. Ich hatte mir anfangs erhofft in den Agenturen ein bisschen Beratung zu bekommen, aber da gab es gar nichts: Die Agenturen scheinen nur ihre Listen von Angebtoren zu führen und tun damit überhaupt nichts anderes als die Journale mit den Kleinanzeigen, nur tun sie das viel weniger effizient! Ein kleiner Vorteil ist, dass manche Angebote nur in der Agentur selbst zu haben sind, so dass man darauf nicht so viele Mitbewerber hat, aber das wird dadurch wieder aufgehoben, dass man ja täglich jeder Agentur nachfragen muss, um insgesamt etwas passendes zu finden. Im Prinzip handelt es sich hier also wieder um eine Art des Mäuse-Rennens. Eine weitere Stufe stellen die Agenturen dar, bei denen man schon bezahlen muss, um überhaupt Adressen von Vermietern zu bekommen. Wiederum scheint der Vorteil zu sein, dass man hier weniger Kokurrenz hat, da ja nicht alle bereit sind, diese Gebühr zu zahlen. Daher habe ich mir gedacht, dies könnte ich ja auch einmal ausprobieren. Schatz war entsprechend wütend als sie den Scheck über 130€ ausstellen musste und schimpfte über meine Dummheit. In der ersten so erhaltenen Liste war nur eine Wohnung, die wir auch besichtigt haben, und in der nächsten Runde wieder nur eine interessante Adresse -- nämlich genau die selbe. Immerhin haben wir von diesem Vermieter ein paar wichtige Informationen erhalten. Insbesondere dass möblierte Wohnungen einer anderen Gesetzgebung unterliegen (schnelleres Herauswerfen, wenn man nicht zahlt), so dass die Vermieter nicht unbedingt einen Garanten verlangen.

Und wie entkamen wir nun dem Mäuse-Rennen? Bei einer Besichtigung stießen wir auf einen Mieter, den wir nach dem Weg fragten und dabei unser Angebot zeigten. "Schlecht ist das!" rief er aus, "ich habe im selben Haus eine viel größere Wohnung und zahle weniger dafür." Dann erklärte er uns, dass in Lyon Wohnungssuche etwas speziell sei, man solle nicht zu Agenturen gehen, sondern direkt zu den großen Verwaltungsgesellschaften ("regie"). Im Nachinein finde ich diesen Tipp aber gar nicht spezial, denn ich hatte mir ja schon am Anfang gedacht, dass es sowas geben muss, nur hatte ich nicht die Energie, diesen Gedanken auch zu verfolgen. Immerhin geht man ja in Ilmenau auch direkt zur IWG oder WBG und dort wird man geholfen. So richtig ausforschen konnte ich diesen Zweig aber nicht, denn die Gelben Seiten von Lyon listen über 250 Immobilienverwaltungsgesellschaften (davon 50 mit einer Webseite) und wir haben unsere Traumwohnung schon gefunden, während ich noch dabei war, die ersten Webseiten zu erkunden. Weil wir Donnerstag und Freitag schon so viele Besichtigungen hatten, sind wir nicht dazu gekommen, systematisch nach Verwaltungsgesellschaften eines bestimmten Viertels oder eines bestimmten Stils zu suchen. Damit könnte man sich sicherlich die Suche nochmal um einiges erleichtern. Zum Beispiel haben wir eine Gesellschaft gefunden, die sehr viele Gebäude im Viertel Monchat hat, so dass man da recht leicht etwas findet, wenn man möchte (aber wir mögen das Viertel nicht). Der Unterschied im System ist auch beträchtlich: während man über Kleinanzeigen Wohnungen besichtigt, die noch bewohnt sind, und danach sofort wieder vergeben, hat diese Gesellschaft leerstehende Wohnungen, die man besichtigt, indem man sich einfach die Schlüssel im Büro ausleiht!

(3) Überhaupt mussten wir uns erst einmal bewusst werden, in welche Art von Viertel wir eigentlich einziehen wollen. Wenn man nach Ilmenau kommt, muss man sich ja nur entscheiden zwischen Altstadt und Wohnblock, bei größeren Wohnungen kommen noch die Neubaugebiete in Frage. Lyon ist hingegen ist so wie Paris in Verwaltungsbezirke (arondissements) eingeteilt, hier gibt es neun davon, aber diese geben auch nur die ungefähre geografische Lage wieder und sind selbst innerhalb sehr vielfältig. Unsere Traumwohnung liegt zum Beispiel am Rand des dritten Bezirks, der uns sonst überhaupt nicht gefällt (Monchat liegt auch darin). Neben den Bezirken gibt es dann noch die Vorstädte; Villeurbanne und Vernisseux scheinen die größten zu sein und bis dorthin reicht auch noch die Metro. Eine weitere Vorstadt ist Bron, wo Jings Campus liegt. Eine von zwei Tram-Linien geht durch Bron bis in das noch größere St. Priest von dem wir bis jetzt noch gar nichts gesehen haben. Unser Campingplatz liegt in einer Art Vor-Dorf und wird noch von mehreren Lyoner Bus-Linien angefahren. Zwanzig bis Vierzig Minuten von hier bis zum Gare Perrache im Lyoner Zentrum. "Dorf" ist auch nicht so wie Sülzfeld oder Manebach zu verstehen, denn auf der Hauptstraße gibt es eine Menge Geschäfte und am Rand gleich neben der Autobahn ein sehr großes Einkaufszentrum.

Die Metro hat hier vier Linien, deren ungefähren Verlauf ich bereits auswendig gelernt habe (plus die beiden Tram-Linien) und als Orientierung benutze. Das Bus-Netz ist natürlich wesentlich komplizierter, aber auch nicht zu verachten, denn manche Linien (auf den großen Achsen) sind ebenso effektiv wie die Tram (Stromleitung, eigene Spuren, sehr häufige Fahrten, und an manchen Halten sogar elektronischen Anzeigen wann der nächste Bus kommt) und sie fahren oft direkt zwischen Punkten wo man mit Metro/Tram einen Umweg machen müsste. Die Metro-Stationen sind alle sehr übersichtlich und einladend, nur an Kreuzungspunkten ist es etwas komplizierter. Man kann sich auch frei darin bewegen (nicht wie in Paris, wo sich die Türen nur für Menschen mit Ticket öffnen) und die Tickets haben alle Einheitspreis ohne Zonen und dergleichen. Der Lyoner Verbund geht bis zur Mitte von unserem Dorf; der Bushalt vorm Zeltplatz gehört aber schon zum regionalen Bus-Netz. Die Leute hier sind auch alle sehr freundlich, einmal sagte ich nur zu Jing wir müssen zur Metro Soundso, und schon meinte eine Frau "dann nehmen sie diesen Bus hier und steigen da und da um". Nur leider habe ich ihren Akzent überhaupt nicht verstanden und dachte sie hätte mich missverstanden, bis sie dann am Umsteigepunkt sagte: "Den Bus da drüben müsst ihr jetzt nehmen" und da hatte ich es kapiert. Für ein Zimmer unseren Wohnung habe ich ja noch die Weltkarte aus meinem alten Zimmer, Schatz hat noch eine Karte von Frankreich (mit chinesischer Beschriftung), und dazu will ich unbedingt noch eine Karte der Lyoner Buslinien! ;-) Hier im Campingplatz haben wir bis jetzt auch noch nichts bezahlt und sogar die Jetons für die Dusche schreibt uns die liebe Frau einfach nur an, alles zahlbar bei Abreise.

Die Gegenden in denen wir Wohnungen besichtigt haben, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen, die ich mal metropolisch, krachstädtisch, und wohnlich nennen werde. Wir haben zwei typisch metropolische Wohungen besichtigt, beide in einem Hochhaus, direkt neben einer Metrostation und einem Einkaufszentrum (eines hat sogar 24 oder zumindest bis Mitternacht geöffnet). Die Hochhäuser verfügen jeweils über ein Tiefgarage und einen kleinen Grünbereich (im einen Fall) bzw. einen Beton-Bereich (im anderen Fall). Das eine heißt "Residence Part-Dieu" und wurde scheinbar in den Siebzigern zusammen mit dem ganzen Bereich darum, gleich dem gleichnamigen großer Lyoner Bahnhof zusammen geplant und errichtet. Dementsprechend viel Beton. Das Einkaufszentrum Part Dieu behauptet eines der tollsten Europas zu sein. Schatz fand es sehr praktisch gleich daneben zu wohnen, was mir wiederum eine Angst um meinen Geldbeutel bescherte. Natürlich ist die Nähe zu Metro und großen Supermärkten ein Vorteil, und in den Hochhäusern hat man auch eine gewisse Ruhe und eine tolle Aussicht. Auch die Preise der besichtigten Wohnungen waren mit 10 bis 13 Euro (meist incl. Wasser, excl. Heizung) ganz in Ordnung. Aber irgendwie ist das ganze schon sehr anonym, man ist in so einem Hochhaus nur einer von zum Beispiel 280 anderen und so etwas wie Nachbarschaftsbeziehungen kann ich mir da nicht so richtig vorstellen.

Wir haben auch mehrere Wohnungen im 3. Bezirk besichtigt. Dort scheint es viele Gegenden mit kleinen Geschäftsstraßen und -plätzen zu geben, Parkplätze sind dort schwer zu finden, auf den Straßen geht es eng zu und manchmal nur langsam vorwärts und statt Metro und Tram gibt es nur Busse. Statt der großen Geschäftszentren hat man hier also die Geschäfte immer im Erdgeschoss der Wohnhäuser. Uns haben diese Viertel nie gefallen, es geht dort eben immer irgendwie zu lebhaft zu (daher mein Ausdruck "krachstädtisch") und manchmal liegen auch Bettler und Obdachlose auf den Straßen herum. Da viel uns die Entscheidung relativ leicht.

Die dritte Kategorie ist so eine Art reine Wohngebiet, die sich natürlich nicht direkt im Zentrum, aber trotzdem noch innerhalb Lyon zwischen den Stadtteilzentren befindet. Im Achten Bezirk scheint es davon viel zu geben, aber dort haben wir sehr wenige Angebote gefunden. Das mag an der Nähe zum Campus Lyon2 und dem Studienjahresbeginn liegen, aber in anderen Stadtteilen gibt es ja auch noch viele Fakultäten und viele andere Bildungseinrichtungen jeder Art (Privatunis, Berufs- und Ingenieursschulen, ...). Vielleicht liegt es auch darin, dass ich solchen Vierteln die Leute weniger oft umziehen, oder die Wohnungen einfach beliebter sind. In so extrem reinen, fast schon dörflichen Wohnvierteln, wie dem wo unsere Traumwohnung liegt, hat man natürlich den Nachteil, dass es fast überhaupt keine Geschäfte gibt, und man mit dem Bus zum Supermarkt fahren muss. Ich nehme natürlich das Fahrrad, aber damit bin ich hier absolute Ausnahme! Es gibt zwar in Lyon durchaus Radwege, aber diese beginnen und enden oft im Nichts. Ein Nachbar auf dem Zeltplatz kommt auch Strasbourg hier an und bezeichnet Lyon als dessen Radweg-technisches Gegenteil. (Das trifft aber wohl auf die meisten Städte Frankreichs zu.)

Wir hatten mehrere Besichtigungen in solchen Wohngebieten und konnten uns erst nicht so recht zwischen diesen und den Hochhäusern entscheiden. Am Freitag hatten wir vier Besichtigungen absolviert (leider keine Wohnung mit Möbeln dabei) und das Wochenende vor uns, um zu entscheiden, welche Wohnung wir nun nehmen wollen. Für ein weiteres Angebot mit ungeheuer günstigem Preis (330€ ohne Nebenkosten für 40 m²) hatten wir in der nächsten Woche einen Besichtigungstermin und Jing schlug vor, sich doch schon mal die Gegend dort anzusehen, um vielleicht das Angebot schon vorzeitig zu elimieren. Das Haus lag aber in einer wunderbar ruhigen Wohngegend, nicht allzuweit von der Tram zu Jings Campus (noch etwas weiter zur Metro), so dass Jing meinte, wir könnten ja schonmal mit den Nachbarn reden und vielleicht sogar eine ähnliche Wohnung besichtigen. Und wie es der Zufall so wollte, stoßen wir gleich auf die Tochter der spanischen Hausmeisterin, die uns so freundlich empfängt als wären wir lang-erwartete Gäste. Uns wird erzählt, die Wohnung sei ähnlich der der Hausmeisterin (und diese hat genau die von mir so ersehnte große Küche), und überhaupt spielt sich alles ab, wie im Märchen: es gibt einen kleinen Garten, den die Hausmeisterin pflegt und in dem Grillen erlaubt ist, wenn man lieb ist, und es wohnen auch noch einige Studenten darin, und es gibt keinen Aufzug und ein schönes Treppenhaus mit Steinstreppen, und die Hausmeisterin-Tochter kennt die Verwalterin und legt ein gutes Wort für uns ein. Da fiel uns die Entscheidung leicht und ohne die Wohnung gesehen zu haben, waren wir uns sofort einig. Billige Wohnung weit weg von teueren Geschäften: gut für mein Sparschwein. Ein schönes Haus mit netten Leuten: gut für Schatz. Natürlich haben wir noch nicht endgültig gesiegt, wir müssen noch die vielen bürokratischen Unterlagen und einen Garanten für die Miete herbeischaffen, und danach die Möbel, denn es sind keine drin.